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Liebe Leserinnen und Leser,

dieses Weblog ist umgezogen und hat seine eigene Internetadresse bekommen. Auf http://www.lydiansquirrel.de geht die Reise weiter. Ich freue mich, Euch dort zu sehen, auf Eure Kommentare und Eure Feed-Abos.

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Habe ich nicht schon einmal geschrieben, dass ich die Franzosen liebe? Das habe ich zweifellos bereits getan. Ich liebe sie dafür, direkt auf einen Menschen zuzugehen, wenn sie dich sympathisch finden. Sie finden Menschen sympathisch, die ihre Sprache sprechen. Sie antworten grundsätzlich jedem, der sie anspricht. Selbst ein Bettler fragt mich nach einem «Bonjour Mademoiselle» höflich nach etwas Kleingeld, worauf ich ihn ansehe und mit einem bedauernden Gesicht antworte «J’suis désolée.» In Deutschland wäre ich angehauen worden, auf die rabiate Art. Ich hätte es entweder ignoriert oder hätte mit einem «Nein Danke» abgeschmettert. Hier unterhält man sich auch mit dem Punk auf der Straße und gibt, wenn man nicht wenigstens eine Zigarette für das Herrchen hat, seinem Hund ein Leckerli.

In Carcassonne suche ich die Rue Verdun. Dort, am Fuße der Cité hat einst Joë Bousquet gewohnt, sagt mein Reiseführer. Er war Schriftsteller und seit seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg am Rückgrat gelähmt. Welche Ironie, dass er ausgerechnet in der Rue Verdun gelebt hat. Direkt nebenan ist das Katharer-Museum. Die Katharer lassen mich seit Narbonne nicht mehr los. Ich will wissen, was es mit ihnen auf sich hatte.

Auf dem Weg zur Rue Verdun überquere ich den Place d’Aude. «Ma-dö-moa-sellö!» Ich erkenne diesen Akzent, diese Art, jede einzelne Silbe so übertrieben deutlich auszusprechen, dass es nicht mal mehr grotesk ist. Es ist die Mademoiselle mit der Körperlotion für die «lèvres sèches». Ich entdecke sie in einem der Cafés mit denen der Platz gesäumt ist. In einem von ihnen habe ich heute Vormittag ein zweites Frühstück gegessen. Sie fragt mich, wie es mir geht. Gut sage ich. «Et vous?» Das Wetter sei ja so schön heute, da habe sie sich in ein Café gesetzt, um die Sonne zu genießen. Der Akzent bricht niemals ab, wird niemals flüssiger. Ihr französisch bleibt eine bizarre Verballhornung dieser Sprache.

Ich erzähle ihr, ich sei auf der Suche nach der Rue Verdun und könne sie nicht finden. Ja, das Katharer-Museum wolle ich besuchen. Die Ma-dö-moa-sellö kennt die Straße. Sie ist nur zwei Straßen weiter vom Place d’Aude. Ich verabschiede mich von ihr und gehe in die Richtung, in die sie gezeigt hat. Wenige Minuten später biege ich in die Rue Verdun ein und finde den Eingang zum Museum. Es ist kurz vor Mittag. Ich habe schon festgestellt, dass die Mittagspause von zwei bis drei Stunden Länge heilig sind. Deshalb gehe ich erst gar nicht hinein, sondern beschließe, am Nachmittag wiederzukommen.

Statt das Museum zu besuchen, besorge ich Briefmarken für die Postkarten, die ich von jeder Station aus verschicke. Meine Eltern bekommen eine, Benjamin und die WG. Sie bekommen eine Karte von jeder meiner Stationen. So ausgerüstet setze ich mich in ein Café und bestelle grünen Tee mit Jasmin (dieses Café ist eines der wenigen mit Teeauswahl). Der Kellner bringt den Tee. Ich packe meine Postkarten, Briefmarken und Füller aus und beginne zu schreiben. Um eins breche ich auf. Ich bin fertig mit meinen zehn Postkarten, also bezahle ich und ziehe weiter. Ich möchte noch etwas sehen, bevor ich morgen wieder abreise. Ich suche eine Kirche, die ich besuchen kann, obwohl ich mittlerweile von Kirchen die Nase voll habe, mögen sie auch noch so schön und prachtvoll sein.

War es an diesem Tag, als mich der junge Mann ansprach? Ich bin mir nicht mehr sicher. Ich habe die drei Tage in Carcassonne hauptsächlich auf den Straßen der Stadt verbracht. Trotzdem erinnere ich mich nicht mehr an den Namen der Straße. Nein, es ist nicht sonderlich wichtig, weil der junge Mann in dieser Geschichte nicht weiter wichtig ist. Ich habe ihn nur bemerkt. Er steht auf der anderen Straßenseite, doch ich wüsste den Namen der Straße selbst dann nicht, wenn die Straßen, die übrigens quadratisch angeordnet sind, nach einem Schachbrettmuster benannt wären – mit der Porte des Jacobins als Orientierungspunkt. Es ist westlich der Porte, in Höhe der Place de l’Aude in einer Parallelstraße der Rue Georges-Clémenceau.

Den restlichen Nachmittag verbringe ich abwechselnd im Katharer-Museum, in dem eine Schulklasse gerade dabei ist, neues über ihre Vorfahren zu lernen, und dem Museum über Joë Bousquet, in dem Handschriften, Fotos und sogar sein altes Arbeits- und Schlafzimmer ausgestellt werden. Die ganze Wohnung ist so belassen, wie zu Lebzeiten des Schriftstellers: Wo Stufen sind, führen Rampen entlang, damit Bousquet sich mit dem Rollstuhl frei bewegen konnte. Vor allem das Zimmer sieht so aus, als könnte er noch in dem Bett liegen.

Ich schlafe nicht alleine in der Jugendherberge. Meine Zimmergenossin kommt aus Paris. Sie besucht ihre Mutter hier für einige Zeit. Am Vormittag verlässt sie die Cité und geht hinunter in die Stadt, wo ihre Mutter wohnt. Sie heißt Hélène. Ich habe mich mit ihr heute früh unterhalten nachdem ich vom Frühstück zurück gekommen war, um meine Sachen für den Tag zu packen. Sie geht durch die Stadt mit einer Aufmerksamkeit, die mir bisher fehlt. Heute Abend gäbe es ein Café Philosophie im Café «La Comédie»; morgen gäbe es ein Konzert im Châpeau Rouge.

An diesem Abend kehre ich nicht mehr zurück in die Cité. Ich besuche eine Buchhandlung. Ja, ich habe den Fehler bereits in Montpellier begangen, kann mich aber nicht beherrschen. Ich weiß nicht mehr, welches Buch ich dort kaufe. Ich suche «L’Amant» von Marguerite Duras. Es ist mein Lieblingsbuch. Mein literarisches Vorbild. Der Buchladen hat es nicht. Ich glaube fast, ich kaufe kein Buch hier und doch bin ich mir sicher, dass ich den Buchladen mit einem neuen Buch verlasse. Es ist «L’Amour». Weil es noch früh am Nachmittag ist, gehe ich in ein Café, das mir gefällt. Es ist nicht «La Comédie». Ich bestelle Tee und Kuchen und vertiefe mich in das Buch, in dem ich jedes zweite Wort in dem kleinen Wörterbuch heraussuchen muss, um den Text zu verstehen.

Am Abend gehe ich ins Café «La Comédie». Hier wird an den nächsten Abenden meine Heimat sein, beschließe ich. Um viertel vor sechs ist das Café fast leer. Ein Monsieur unterhält sich angeregt mit zwei Gästen und sieht mich erwartungsvoll an, als ich à la française mit schwarzem Barett den Raum betrete. Ich erwidere seinen Gruß und setze mich an einen Tisch. Eine Frau betritt das Café. Sie sieht etwas verwirrt aus. Ich schätze sie in ihren sechzigern. Ich bestelle einen grünen Tee mit Minze. Wer immer den erfunden hat, sollte an die Wand gestellt werden, gemeinsam mit demjenigen, der die Unart erfunden hat, jeglichen charakteristischen Geschmack in Vanillearoma ertränken zu müssen. Die Frau hat inzwischen am Nebentisch Platz genommen und wühlt in einer billig aussehenden Handtasche. Sie scheint gefunden zu haben, wonach sie suchte und holt eine Plastikflasche hervor. Es ist Körperlotion. Aber sie legt sie nicht beiseite, um etwas anderes in ihrer Handtasche zu suchen, nein, sie hebt die Flasche hoch an ihr Gesicht, zu ihrem Mund. Sie lässt einen Klecks Körperlotion heraus spritzen und verreibt die Lotion über ihrem geschlossenen Mund und zwar so, dass ein Rest der Lotion noch zwei Stunden später an ihrer Oberlippe zu sehen sein wird. Sie scheint meinen irritierten Blick bemerkt zu haben. Sie fühlt sich bewegt, sich mir zu erklären: «J’ai des lèvres sèches» – Ich habe trockene Lippen.

Sie spricht das Französisch sehr langsam. Beinahe überdeutlich. Wenn ich sie nicht für eine Französisn halten würde, könnte ich glauben, sie habe es soeben erst gelernt. Sie spricht alle Endungen und Vokale aus, die sonst verschluckt werden, die nicht ausgesprochen werden. Vielleicht bemüht sie sich um eine deutliche Aussprache. Ihre Vokale sind aber von derartiger Klarheit, wie man sie sonst nur von französischen Muttersprachlern hört. Ebenso verhält es sich mit ihrer Sprechmelodie. Es könnte eine wahre Freude sein, denke ich, ihr beim Sprechen zuzuhören, würde sie es nicht so langsam und betont tun. Erst jetzt fällt mir auf, dass ihre Füße nackt sind. Sie stecken nackt in Sandalen. Sie sind gepflegt, die Nägel mit neon-gelbem Nagellack bemalt. Draußen aber ist es herbstlich kühl, kein Wetter für Sandalen.

Der Professor ist sehr interessiert. Er kennt seine Schäfchen, seine Schüler. Jeden einzelnen. Mich kennt er noch nicht. Er kommt zu mir und spricht mit mir, fragt mich, woher ich komme, wer ich sei. Ich antworte ihm auf seine Fragen. Ich verstehe ihn gut. Ich sage, ich spreche nicht so gut französisch, aber ich verstehe schon sehr gut und ich sei gespannt, was ich hier heute Abend erfahren würde.

Das Café Philo, das lerne ich sehr schnell, ist keinesfalls eine lockere Plauderstunde am Stammtisch. Nein! Sie nimmt sich wichtig wie ein Seminar an der Universität. Es gibt Hausaufgaben. Meine habe ich nicht gemacht. Ich bin neu. Das Thema heißt «La philosophie n’est rien sans langage». Der Professor wird die meiste Zeit sprechen an diesem Abend. Seine Zuhörer sind seine Studenten, seine Schäfchen, die ihm aufmerksam zuhören, Fragen stellen und manchmal auch widersprechen.

Die Frau mit den Neonnägeln gehört auch zu seiner Entourage. Das habe ich schnell begriffen. Eine weitere Frau und ich stellen uns als Débutantes vor. Er erklärt die Regeln: Jede Woche bekommen die Teilnehmer Texte zu lesen auf, über die in der nächsten Sitzung gesprochen werden soll. Anders funktioniert Philosophie nicht. Das ist klar. Der Rest ist ein Uni-Seminar, nur dass dabei Café, Tee, Perrier und etwas zu Essen bestellt wird.

Das Thema scheint mir einleuchtend: «La philosophie n’est rien sans langage» Ohne Sprache ist die Philosophie nichts. Meine Laienhafte Übersetzung macht aus der «Philosophie» wahlweise «Weisheit der Sprache» oder «Weisheitsfreundlich». Doch anstatt über das Thema zu sprechen – auch das ist ganz wie an der Uni – darüber, was Philosophie und die Sprache verbindet und welche Rolle Sprache spielt, behandeln wir Themen der Philosophie. Ich mische mich nicht in das Gespräch ein. Das traue ich mich dann doch noch nicht zu. Ich höre nur zu.

Es ist schwer, hier ein Mittagessen zu finden, das essbar ist und gleichzeitig in mein Reisebudget passt. Denn hier besteht der Mittagstisch nicht einfach aus einem Gericht und einem Getränk. Es sind ganze Mittagsmenüs mit mindestens drei Gängen: Entrée, Plat, Fromage ou Dessert und Café. Der Preis, den man bereit zu zahlen ist, bestimmt den Inhalt des Menüs.

Das Essen in zwei Gängen habe ich ja schon bei Georges und Morgane kennen gelernt, wobei das Dessert auch einfach aus einem Joghurt oder einem Apfelkompott bestehen kann. Große Augen gibt es allerdings, wenn Crème Brûlée, Crème Caramel oder Mousse au Chocolat angeboten werden. Bei Morgane gab es meistens noch einen Aperitif: au choix aber gerne Muscat, wenn der schonmal aus Rivesaltes kommt. Einen unförmlichen Entrée aus Käse, Baguette und Pâté gab es auch noch – wer auch immer Pâté erfunden hat, sei heilig.

Denn wenn es sich auch nicht großartig von Leberwurst unterscheidet – was es im Fall von Pâté Foie auch nicht ist – so ist die Blockform, in der dargeboten wird, doch um einiges ansehnlicher als die Wurst aus einem Schweinedarm zu quetschen. Im Gegenteil dazu bleibt die Pâté in ihrer Blockform und die Esser betätigen sich künstlerisch wie Bildhauer an einer Skulptur, wenn sie die Masse auf ihr Baguette streichen.

Auf der Suche nach einem Regenschirm und einem Mittagessen mache ich mich an den Abstieg. Ich nehme den direkten Weg. Den, den ich gestern auf dem Rückweg von der Stadt in die Cité gefunden habe. Es dauert nur zwanzig Minuten. Die Mittagspausen sind hier heilig, stelle ich fest: Das Museum schließt für zwei, drei Stunden. Auch die Kirchen haben geschlossen. Ich will zurückkehren sobald auch das Schloss wieder geöffnet hat und meinen Rundgang fortsetzen. Ich werde nicht zurückkehren bevor es schließt. Ich lasse mein Ticket verfallen und gehe in die Stadt.

In dem Trubel aus trüben Wolken, Wind und Nieselregen suche ich einen Ort, an dem ich mich etwas ausruhen kann. Ich bin rastlos. In meiner Rastlosigkeit fällt mir ein junger Mann auf. Er steht auf der anderen Straßenseite. Er fällt mir nicht auf, weil er besonders auffällig gekleidet ist oder besonders schön ist. Es ist sein Blick, der mir ins Auge sticht. Er ist unbeirrbar auf mich gerichtet. Ich sehe zweimal hin. Sein Blick haftet auf meiner Person. Hier sagt man «Il est scotché.» Ich bin mir sicher, dass er den Blick nicht von mir abwenden wird, egal, was ich tue.

Ich wechsle die Straßenseite mit einigem Abstand zu ihm. Er kommt auf mich zu, spricht mich an. Er will die Uhrzeit wissen. Sicherlich hat er sich die ganze Zeit, in der er mich angestarrt hat, gefragt, ob ich sie ihm wohl sagen würde. Es ist halb zwei am Nachmittag. Ich sage ihm die Uhrzeit, will mich schon abwenden, weitergehen, da höre ich ihn wieder reden. Er bietet mir ein Glas an. Ich verstehe ihn nicht. Er ist aufgeregt. Seine Stimme ist leise und brüchig. Er hat die Kontrolle über sie verloren. Er fragt mich noch einmal, ob er mir ein Glas anbieten könne. Diesmal verstehe ich, was er meint. Ich lehne das Angebot freundlich ab. Ich entschuldige mich, sage ihm, dass ich noch einiges zu erledigen hätte an diesem Nachmittag. Ich denke an Daniel. Das ist einer seiner typischen Reflexe: Ein Fremder spricht ihn an. Er wahrt mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mittel seine Distanz, lässt niemanden an sich heran. So auch ich an diesem frühen Nachmittag. Ich will mich schon von ihm abwenden, da sieht er mich an und sagt, er wolle mich wissen lassen, dass ich sehr schön sei. Ich lächle. Er wiederholt, ich sei sehr schön. Ich fühle mich geschmeichelt. Mir schmeichelte schon sein zaghafter Versuch, mich anzusprechen. Ich wende mich um, ein Lächeln auf den Lippen. Ich gehe um die nächste Ecke nach rechts, zurück in den Trubel der Stadt.

Es wird nicht lange Zeit später sein, ich frage mich bereits als ich mich abwende, was ich zu verlieren hätte, etwas mit ihm zu trinken. Ich habe nichts bestimmtes vor an diesem Nachmittag. Ich kenne niemanden in dieser Stadt. Wieso also eigentlich nicht? Ich kehre nicht um. Ich bleibe auf meinem Weg.

Der erste Eindruck hat mich nicht getrügt: Die Cité erweckt einen geradezu zu gut erhaltenen Eindruck. Ich bin schon sehr früh unterwegs. Noch bevor die Mittelalterstadt zum Leben erwacht erkunde ich sie. Das Schlossmuseum ist noch geschlossen, also gehe ich andere Wege. In einer der Kathedralen erlebe ich, wie es draußen hell wird. In einer Ecke steht Frankreichs Heilige: Johanna von Orleans. Man erkennt sie kaum. Sie steht in einer dunklen Nische und ist nur von einer Kerze erleuchtet. Von den Säulen stürzen sich Wasserspeier zu mir hinunter. Die Fenster sind beeindruckend. An einer Säule entdecke ich einen Ring, der in den Stein eingehauen ist.

Mein Schlossführer wird mir später erklären, dass Kirchen zur Zeit ihrer Erbauung im Mittelalter Orte der Begegnung waren: Hier wurden Märkte abgehalten, Geschäfte getätigt und Abkommen geschlossen. Der neueste Tratsch wurde verbreitet, während Kinder zwischen den Bänken und Seitenschiffen umher tobten und spielten. Zur Zeit der französischen Revolution wurden sogar die Pferde hier geparkt. Davon erzählt der Ring in der steinernen Säule.

Die Kirchenbesucher heute geben kaum einen Mucks von sich. Sie bleiben still, erstarren in andächtiger Haltung, den Blick in den unfassbaren Raum des Kirchengewölbes gerichtet. Sie verstummen in Ehrfurcht, wenn sie daran denken, mit wieviel Blut, Schweiß und Tränen diese Mauern errichtet wurden, wie viele Seelen unter diesem Fundament ruhen. Sie wissen genau, dass es eine solche Kirche nie wieder geben wird, wenn sie zerstört werden sollte. Man könnte sie zwar genauso wieder aufbauen, wie sie heute hier steht. Sie wäre aber keinesfalls dieselbe. Sie wäre nachgeahmt, kopiert. Ein verzerrtes Abbild ihrer selbst.

Die Cité selbst ist ein Beispiel hierfür, obwohl ihr das nicht gerecht wird. Im 19. Jahrhundert fragte sich die französische Regierung, ob sie die Ruine, die die Cité damals war, abreißen sollte, oder viel lieber restaurieren. Die Entscheidung fiel auf eine Restauration nach dem Vorbild des Schlosses der Familie Trencavel, die in Carcassonne die einflussreichste Familie jener Zeit war. Die Cité blieb. Sie wurde restauriert nach Plänen oder nach einem Bild, das von ihr oder einer anderen Mittelalterfestung existierte.

Man restaurierte die alte Cité, um sie den Touristenströmen urbar zu machen, die man sich dadurch in Carcassonne versprach. Den Horden der Touristen anheim gegeben. Ecke an Ecke, Seite an Seite reihen sich die Souvenirläden, Restaurants und Imbissbuden aneinander. Alle werben sie mit «Cassoulet» in großen Lettern von dem Eintopf, der in dieser Region Tradition hat. Ein Eintopf aus Bohnen und Fleisch, der seinen Ursprung im nahen Ort «Castelnaudary» hat. Sie versuchen, den hungrigen Besucher anzulocken mit mittelalterlichem Charme, sei es in der Einrichtung oder mit den langen Tafeln an denen sie ihr Mittelalterbankett abhalten.

Ich gehe ins Schloss. Ich besorge mir eine Eintrittskarte und buche eine Führung. Es gebe auch Führungen auf Deutsch, klärt mich die Ticketverkäuferin auf, aber ich bleibe bei meiner französischen Führung. Der Führer ist ein kleiner, rundlicher Mann mit Halbglatze. Außer mir gehört noch eine junge Frau zu der Gruppe. Er spricht schnell; so schnell, dass ich von allem, was er uns erzählt, vielleicht die Hälfte verstehe.

Wir stehen im Innenhof des Schlosses und wie ein Vater kleinen Kindern aus einem Buch vorliest, liest uns unser Guide aus den Mauern und Gebäuden, die das Schloss umgeben. Erst jetzt beginne ich zu begreifen, wo ich mich eigentlich befinde: Die Geschichte der Cité ist die Geschichte der Stadt. Der Ursprung geht zurück auf die römische Carcasso, die hier im ersten Jahrhundert vor Christus gegründet wurde. Der kleine Fluss, der unter der Pont Neuf und anderen Brücken hindurch fließt, ist der Canal du Midi. Sie war einst Teil einer Handelsstraße zwischen Atlantik und Mittelmeer.

Das Schloss geht zurück auf eine römische Festung aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. Seit dieser Zeit wurde die Festung unzählige Male angegriffen, verteidigt oder eingenommen. Sie wurde niedergebrannt, wieder aufgebaut und wenn dem jeweiligen Burgherren danach war, wurde ein neuer Schlossflügel angebaut. Ihre Mauern wurden geflickt mit Geröll aus anderen Mauern oder eingestürzten Türmen.

Unser Guide lehrt uns, in den Mauern zu lesen: Knapp über dem Boden sind kleine Steinbogen zu erkennen. An einer Stelle der Mauer hört die Struktur abrupt auf und geht über in ein heilloses Durcheinander von Geröll und Steinen. Ich stelle mir vor, wie eine Kanonenkugel das einst intakte Muster der Mauersteine zerfetzt. Es ist ein lauter Knall, der einige Soldaten unter sich begräbt. Auf der rechten Seite deutet der Guide auf einige Balken. Kurz davor stehen einige Blöcke treppenförmig hervor. Der Eindruck täuscht nicht. Hier befand sich einst ein Bohlengang, zu dem eine Treppe heraufführte. Wie muss es damals ausgesehen haben, frage ich mich. Ich kann die zugemauerten Fenster, die Brüche in der Mauerstruktur, die andere Bauweise eines Flügels: All das kann ich erkennen. Ich kann nur nicht deuten, wann was entstanden ist.

Ein Turm speichert sich besonders in meinem Gedächtnis. Es ist das Inquisitionszimmer. Als die Katharer sich von Rom abwandten, schickte der Papst die Inquisition in das Languedoc. Der Katholizismus musste schließlich beschützt, die Seelen der abtrünnigen Schafe vor der Hölle bewahrt werden. Wenn das auch bedeutete, ihre abtrünnigen Körper zu foltern und sie die Hölle auf Erden durchleben zu lassen. Aber was ist das irdische Leben gegen die unendlichen Qualen der Hölle. Bis heute ist diese Logik für mich pervers. Bis heute gibt es Menschen, die dieser Logik anhängen und blind einem Konzept folgen, das sie «Gott» nennen – ein Konzept, das ihr Leben bestimmt, das sie daran hindert, ihren Verstand zu benutzen, ein Konzept, das in sich widersprüchlich ist. Denn: Wenn das Konzept «Gott» einen Baum der Erkenntnis in den Garten Eden pflanzt, den Menschen nach dem eigenen Bild schafft, will er dann nicht auch, dass sich diese seine Schöpfung selbstverantwortlich, die eigene Vernunft gebrauchend verhält? Ist es dann nicht unsinnig zu sagen, ein Individuum – und das ist jeder, der nach seinem Verstand handelt – handele nicht nach dem Glauben? Hat dieses Individuum denn mit seinem Verstand denn nicht auch die Möglichkeit zu entscheiden, ob es einem Konzept «Gott» folgt oder nicht? Und sind nicht dadurch die fundamentalen Anhänger eines Konzepts «Gott» nicht diejenigen, die sich der Bestimmung dieses Konzepts widersetzen und sich damit selbst widersprechen?

All das geht mir durch den Kopf, als ich in diesem Turm stehe. Der Guide zeigt auf die Sandsteine: Hier hat der Inquisitor minutiös die Vergehen, die Verhöre und die Strafen seiner Opfer in den Stein geritzt. Glücklich sehen diese Figuren alle nicht aus, wie man sich vorstellen kann. Mich schauert bei dem Gedanken daran, dass in einer anderen zeitlichen Dimension hier an diesem Ort Menschen ihr grausiges Ende fanden. Bilder an «Der Name der Rose» tauchen in meinem Kopf auf. Wer hätte denn nicht gestanden und sich freiwillig ermorden lassen. Gegen die Perversität der Kirche und die Verblendetheit der Gläubigen dürfte der Tod eine Erlösung gewesen sein.

«Diamond ring – wear it on your hand! It’s gonna show the world I’m your only man …» Der Song geht mir seit gestern nicht mehr aus dem Kopf. Bevor ich in Rivesaltes aufgebrochen bin, habe ich mir das beste aller Bon Jovi-Alben auf den MP3-Player geladen: «These Days». Seitdem befinde ich mich in einem Zustand gewisser Melancholie. Ob ich an Daniel denke? Nein, ganz sicher nicht. Ich denke an einen anderen. Ich schreibe Briefe. Ich habe ihnen ein eigenes Notizbuch gewidmet. In dieses Buch schreibe ich die Briefe wie ich in ein anderes Gedichte schreibe. Ich fülle das Buch mit den Briefen an ihn. Ich fülle es mit schwarzer Tinte aus einem Schönschreibfüller, wie ich sonst meine Gedichte schreibe.

Er wird keinen einzigen davon jemals erhalten. Er wird sie niemals lesen. Diese Briefe versende ich nicht. Das erinnert mich an Marcelle Sauvageaut: Ein hoffnungsloser Fall und das stürzt mich noch tiefer in die Melancholie. Ich bade darin, ertränke mich in ihr. Diese Melancholie: ich koste dieses Gefühl vollkommen aus mit einer Wonne. Diese Melancholie ist es, die mich diese Briefe schreiben lässt, diese Gedichte, diese Geschichte. Das ist es, was meine Feder führt.

Daniel fehlt mir. Das Gegenteil möchte ich nicht behaupten. Es wäre nicht wahr. Nach zwei Wochen des Unterwegsseins fange ich an, meine Familie und meine Freunde zu vermissen. Zu der Melancholie gesellt sich ein gewisses Heimweh. Und doch, und das ist das seltsame: Wann immer ich mir vorstelle, wieder zuhause zu sein, schwindet der Wunsch dorthin zurückzukehren immer mehr.

Auf der einen Seite habe ich das Reisen satt. Auf der anderen Seite will ich aber nicht rasten. Die Freiheit, die mir das Reisen gibt, ist das Größte, was mir je widerfahren ist. Vielleicht will ich auch erstmal an einem Ort ankommen, wo ich etwas bleiben, meine Reisetasche auspacken und meine Kleider in einem Schrank verstauen kann. Einem Ort, wo ich nicht jeden Morgen in einer großen Tasche nach frischer Unterwäsche wühlen muss. Das ist wohl das Schicksal des Steins, wenn er erst einmal ins Rollen gekommen ist.

Um fünf Uhr am Morgen werfe ich mein Handy aus dem Bett. Ich habe mir den Wecker dort gestellt, damit ich das Frühstück nicht verschlafe und rechtzeitig aus dem Zimmer bin, denn es ist hier wie in jeder Jugendherberge: Tagsüber hat man in den Zimmern nichts zu suchen. Damit ich den Wecker nachher schneller ausstellen kann, wenn er klingelt, werde ich wach, stehe auf und krieche unter das Bett. Unterwegs begegne ich ein paar freundlich grüßenden Wollmäusen. Zum Glück bin ich schon lange genug in Frankreich, um auch die französischen Wollmäuse zu verstehen. Ich erkläre ihnen, dass alles in Ordnung sei und ich nur an mein Telefon will. Maggie, die ich in ihrem Bettchen unter das Bett gelegt hat, bestätigt das und bürgt für meine guten Absichten. Als ich endlich wieder unter dem Bett hervor komme, habe ich das Handy und meine Zimmergenossin schläft glücklicherweise immer noch.

Einschlafen kann ich nicht mehr. Wieder dieses Lied «Diamond ring …». Es muss sich irgendwann zwischen den Wollmäusen und meiner Rückkehr unter die viel zu kurze Decke ganz unbemerkt eingeschaltet haben. Jetzt, wo alle Aufregung vorbei ist, dröhnt es umso lauter. Dazu plätschert es draußen, als würde schon jemand duschen, inklusive der Ablüftung des Waschbereichs. Es könnte der Regen draußen sein, mutmaße ich. Weil meine Zimmergenossin aber die Vorhänge zugezogen hat, sehe ich nichts.

Stattdessen schalte ich meine Klemmleuchte ein und klemme sie an mein Buch: Ich versuche mich an Aristoteles‘ Nikomachischer Ethik. Für alle, die es lesen müssen: Nehmt Euch was zu lesen mit! Für alle, die es lesen mussten und gelesen haben: Mein Beileid. Für alle, die interessiert, was drin steht hier die Kurzzusammenfassung: Es gibt für alles zwei extreme Ausprägungen. Der Mittelweg ist immer der beste. Ende.

Meine Zehen stoßen an das Bettende an. Ist das nicht der Fall, stößt mein Kopf am Kopfende an. Eine Partie sinnloser Handyspiele hilft da auch nicht beim Einschlafen. Also liege ich die nächsten Stunden mit einem Griechen im Bett, der nicht aufhören kann, mich mit dem Wesen des Glücks, Haltungen und Wesenszügen zuzutexten. Als es Zeit wird, aufzustehen und mein Wecker klingelt, habe ich das zweite Buch der Nikomachischen Ethik fast durch.

Im Dunkel des frühen Morgens schäle ich mich aus dem Bett. Irgendwo plätschert die Dusche. Im Hintergrund dröhnt die Entlüftung. Gibt es noch Autoren, die über Jugendherbergen schreiben? Ich meine, abgesehen von Kinder- und Jugendbuchliteratur ist dieses Thema bestimmt nicht breit gestreut. Ich kann es nachvollziehen. Wäre ich nicht alleine unterwegs, hätte ich die fünf Euro pro Nacht mehr für ein richtiges Bett, ein richtiges Bad mit Dusche sicherlich ausgeben können.

Die Dusche ist ein Raum mit einem Kleiderhaken, einem Abfluss, einer Duschstange samt Brause und einer kleinen Ablage für das Duschzeug. Die Dusche liegt nicht im Zimmer. Wie in Jugendherbergen üblich, ist es ein kleiner Raum über den Gang und weil dies so ist und ich nicht in ein Handtuch gewickelt durch die Gegend laufen will, nehme ich meine Kleider und Schuhe mit in diesen Raum, der keinerlei Möglichkeiten bietet, die Kleider nach dem Duschen trocken anzuziehen. Ich brauche eine bestimmte Technik zum Duschen, wenn ich meine Kleider trocken anziehen will und drunter passe ich auch nicht ganz.

Im Frühstücksraum folgt das geniale Jugendherbergsfrühstück. Der Kaffee ist nahezu ungenießbar und meine Vorfreude auf eine Schüssel Cornflakes mit Kakao schlägt mienenverzerrt um, als sich die bittere braune Masse meinen Zungengrund entlang in Richtung Speiseröhre robbt. Der Kakao ist nicht gezuckert. Das Frühstück artet plötzlich in hektisches Zuckertütchensuchenaufreißenunddrüberstreuen um – Ich liebe die deutsche Sprache für die Möglichkeit, wahllos Wörter aneinanderzuhängen ohne, dass das daraus entstehende Wortungetüm an Sinn verliert, was man von diesem Satz nicht behaupten kann. Aber was will man denn erwarten nach zwei Stunden griechischer Philosophie.

Carcassonne wird nicht meine Lieblingsstadt werden. Ich erinnere mich immer noch an Montpellier. Das waren Tage! Die Straßen in Carcassonne sind nicht gerade die saubersten. Ihre Glanzzeiten sind auch schon länger her. Genauso steht es um die Häuser. Dieser Zustand wundert mich nicht. Seit ich in Frankreich unterwegs bin haben sich schöne Häuser in Grenzen gehalten. In Montpellier und Narbonne fand ich das noch ganz charmant. Es hatte schon etwas: Dieser Charme des Verfalls.

Hier in Carcassonne aber stößt mich der Zustand der Häuser ab, ebenso wie der Zustand der Straßen, ja der ganzen Stadt. Ich finde es ekelhaft. Liegt es daran, dass der Himmel von grauen Wolken verhangen ist und das gestreute Licht glanzlos auf die Fassaden fällt? In Montpellier und Carcassonne hat immer die Sonne geschienen. Es waren herrliche Tage, fast noch Sommertage, und das Ende Oktober. Hier aber will ich gerade wieder sofort raus.

Der Bus fährt durch die Stadt, der Cité entgegen. An jeder Haltestelle rechne ich damit, dass ich aussteigen muss. Hatte Georges nicht gesagt, Carcassonne sei schön? Der Bus biegt nach rechts um eine Ecke. Vor meinen Augen öffnet sich die Mauer aus Häuserfassaden und im Licht der in der Abenddämmerung begriffenen Sonne erstrahlen hoch oben auf einem Hügel Türme, Erker hinter einer steinernen Mauer: Die Cité von Carcassonne.

Sie sieht ein bisschen aus wie das Dornröschenschloss aus Disneyland. Nicht ganz, aber etwas – als gehöre diese Stadt nicht hierher. Angeblich war Walt Disney tatsächlich von der Cité de Carcassonne inspiriert als er das Schloss zeichnete. Sie ist die älteste erhaltene Mittelalterstadt der Welt und ich werde die nächsten drei Tage dort wohnen.

Der Bus hält direkt vor dem Eingangstor der Cité. Von einem Stadtplan weiß ich etwa wie ich zur Jugendherberge laufen muss: Immer geradeaus und irgendwann nach links. Ich habe Glück: Trotz meiner Verspätung komme ich immer noch rechtzeitig zum Einchecken. Ich teile das Zimmer mit jemand anderem. Ihre Sachen hängen um ihr Bett. Die Flurfenster bieten einen tollen Ausblick über die Dächer von Carcassonne und wieder meldet sich mein Magen.

Ich ziehe los und stelle schnell fest, dass ein billiges Abendessen aus dem Supermarkt nicht drin ist: In der Cité gibt es keinen. Es gibt Restaurants, in denen man teure Menüs bestellen kann und es gibt Imbissbuden, die schon geschlossen haben, weil es ja Abend ist.

Die Cité im Rücken suche ich mir einen Weg in die Stadt. Irgendwo unterwegs wird es schon soetwas wie einen Supermarkt geben. Den ersten lasse ich erst einmal beiseite. Ich will in die Stadt. Schilder gibt es hier nur für Autos und so folge ich ihnen. Hinter mir geht die Sonne über der Stadt unter. Ich habe meinen Herbstmantel angezogen und die schwarze Baskenmütze tief ins Gesicht gezogen.

Diese Häuserfassaden gehen mir nicht aus dem Kopf: Wie gesagt, sie waren bisher alle nicht sonderlich schön, aber so? Etwas ist anders. Ich weiß nicht, ob es diese Stadt ist, die ich nicht leiden kann, ob es an meinem Blutzuckerspiegel liegt, der momentan im Keller liegt und mir nur ein saftiges Steak als Schönheit erscheinen lässt, oder ob mir nach zwei Wochen in Frankreich dieser Stil des Heruntergekommenen auf die Nerven geht. Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus allem: Der Verkehr brüllt, es ist laut und von den Abgasen sehen die Häuser noch schlimmer aus. Charme hat diese Stadt keinen.

Ich merke es wieder: Mit Supermärkten ist es in Frankreich ziemlich schlecht bestellt: In den Städten und Dörfern gibt es eher Läden, die nach der Größe, eher an Tante-Emma-Läden erinnern. Sie sind klein, haben ein paar kleine Regale mit Lebensmitteln, eine Kühltruhe, vielleicht eine Tiefkühltruhe und einen Stand mit Obst und Gemüse. Wirklich viel Auswahl gibt es zwar nicht. Hungrig bleibt hier aber niemand. Die größeren Supermärkte oder sogar Hypermärkte liegen außerhalb der Städte und sind nur mit dem Auto zu erreichen.

Dass ich nicht gleich den ersten dieser Tante-Emma-Läden aufgesucht habe, der mir auf dem Weg lag, stellt sich gleich als Fehler heraus. In der Dunkelheit (mittlerweile wird es sehr früh dunkel und das schnell) kommt es mir in den verlassenen Straßen vor, als sei es mitten in der Nacht. Dabei ist es nicht einmal sieben Uhr am Abend. Je länger ich gehe, desto stärker überlege ich, nicht doch bei einem Imbiss zu halten und mir eine Portion Pommes Frites zu genehmigen (Ich gebe zu, die Speisekarte des Rucksackreisenden ist stark begrenzt vor allem durch die begrenzte Reisekasse).

Zu meinem Hunger hat sich jetzt noch Trotz gesellt: Ich habe keine Lust, etwas mitzunehmen und unterwegs zu essen und zum hinsetzen ist es in diesen Imbissbuden auch nicht gemütlich genug. Außerdem will ich jetzt keine ungesunden Fritten, sondern lieber ein Baguette, etwas Käse und etwas Obst. Der Laden dafür ist weit und breit nicht zu sehen und so laufe ich weiter, immer der Route hinterher, von der ich annehme, dass sie der Bus vorhin gefahren ist.

Langsam verliere ich die Geduld. Hinter jeder Biegung versprechen neue bunte Bilder die Erfüllung meiner kulinarischen Wünsche und jedes Mal zerplatzen die Hoffnungen wie Seifenblasen. Es scheint fast so, als lebte man hier nicht an großen Straßen – ein Habitus, den ich durchaus nachvollziehen kann. Wo in Deutschland die Supermärkte aber meist dort zu finden sind, scheinen sich die Lebensmittelläden in Frankreich in kleinen verwinkelten Straßen zu verstecken. Die findet man kaum, wenn man nicht weiß wo sie sind oder zufällig über ein Hinweisschild stolpert.

Ich habe auch keine Lust, nach ihnen zu suchen, und mich in den Gassen zu verlaufen. Zu alldem ist es kalt und der Wind pfeift. Trotzdem laufe ich weiter. Ich befinde mich wieder in diesem Zustand, der mich ein Bein vor das andere setzen lässt, ohne darüber nachzudenken. Ich sehe plötzlich Schienen. Hier muss bald der Bahnhof sein und tatsächlich: Schräg vor mir zeigt er sich plötzlich, mitten aus dem Dunkel. Ich höre die Ansage auf dem Bahnsteig. Hinter einer Unterführung erkenne ich, wo ich vor ein paar Stunden aus dem Zug gestiegen bin und finde die Innenstadt.

Ohne länger zu suchen steuere ich dann aber doch ein Restaurant einer weltweiten Kette an. Ich schreibe das deshalb, weil mir an diesem Restaurant etwas interessant vorkommt. Gleich am Eingang empfängt mich eine junge Frau in der für die Kette typischen Uniform. Sie fragt mich was ich essen möchte. Ich suche mir ein Menü aus und bestelle es bei ihr. Sie nennt eine Zahl. Aha! Ich warte also, bis ich aufgerufen werde. Also setze ich mich an einen Tisch. Das Restaurant ist fast leer. Nach einer Weile habe ich vom Warten genug. Ich gehe an die Theke. Die junge Frau dahinter fragt mich nach meiner Nummer. Ich sage sie ihr, gebe ihr den Bon, den ich für meine Bestellung bekommen habe und habe kurz danach mein Tablett in der Hand.